Auf Abwegen in den USA (Teil 2) – oder wie wir im Auffanglager für Obdachlose gelandet sind…

14 02 2010

Wir hatten noch keine 2 Stunden in den Staaten verbracht, da war die Stimmung schon am Tiefpunkt. 2 Faktoren haben dazu beigetragen: Erstens, die Benzinpreise (der niedrigste Preis, den wir an der Tankstelle gesehen hatten war 2.85$), zweitens, und das war an dieser Stelle das Schlimmere, erreichten wir nach ca. 2 Stunden Fahrt plötzlich das Ende der Zivilisation.
Plötzlich ist nicht richtig, es kamen uns nach und nach immer weniger Autos entgegen und die Zahl der Häuser, an denen wir vorbei fuhren, nahm stetig ab, aber dieses Begreifen, dass es nicht der richtige Weg ist, das kam dann plötzlich…
Ich kann es mir nur so erklären, dass uns die Ereignisse am Grenzübergang noch immer beschäftigt haben mussten und das wir deswegen abgelenkt waren und eine Abfahrt wohl verpasst haben mussten. Ich meine die Landschaft war sehr schön, wir sind neben einem Bach her gefahren, umgeben von Bergen, und moosbedeckten, kahlen Bäumen, die ich in Deutschland so noch nie gesehen habe…
Nach ca. 30 Meilen und mehreren Blicken auf die Karte, haben wir dann festgestellt, dass a) der Weg bald an einem größeren Berg in einer Sackgasse endet und dass wir b) in die falsche Richtung gefahren sind. Außerdem gab es keine Möglichkeit irgendwo abzubiegen, d.h. wir mussten den Weg komplett zurückfahren – 1,5 Stunden verloren.

Aber ab da ging es mit der Stimmung auch schnell wieder nach oben. An der Tankstelle haben wir erfahren, dass die Preise nicht für Liter sondern Gallons angegeben werden, d.h. der Preis ist ziemlich günstig (1 gallon = 3.785 Liter). Und wir waren wieder auf dem richtigen Highway – Seattle kam rasch näher. Somit stieg auch die Spannung, wie die Unterkunft sein würde. Und die Story hätte einem guten Mystery-Thriller entspringen können, weil am Ende alles anders kam, als gedacht…

Es war schon im Vorfeld alles ziemlich seltsam gelaufen, wir haben im Internet ein recht günstiges Hostel herausgepickt, allerdings war dort nicht die Adresse, sondern nur eine Telefonnummer angegeben. Nach einem Anruf haben wir dann einen Treffpunkt ausgemacht, wo wir dann abgeholt werden würden. Anscheinend ist es wohl schwer zu finden, so dachten wir, aber andererseits…?
So saßen wir dann im Auto am vereinbarten Treffpunkt, an einer Tankstelle (hatten zwischendurch telefoniert, wussten also, dass jemand unterwegs war), und malten uns die gruseligsten Geschichten aus.
Dann kam ein blauer, alter LKW (sah aus, wie das Auto eines Hundefängers aus) rückwärts angefahren und Anne rief mehr spaßeshalber als ernst gemeint aus: „Hoffentlich ist das nicht er!“, denn dieser Wagen hat unsere schlimmsten Fantasien noch übertroffen…
…und dann stieg der Mann aber tatsächlich aus und kam auf uns zu – es war ein älterer Herr, ca. 65 Jahre, kahler Kopf, dafür weißer Vollbart, etwas schmutzige Jacke, stärker schmutzige Finger.
Er begrüßte uns freundlich, stellte sich als Max vor, erkundigte sich dann aber nach unserem Auto (was ich als ziemlich seltsam empfand). Er bat uns dann darum ihm mit dem Auto zu folgen, und wenn er rechts blinkte dann zu parken. Erst waren wir geschockt (als wir das Auto und den Mann sahen), dann unschlüssig (nachdem er sich vorgestellt hat), aber dann wurde es noch besser: kaum eingestiegen, stieg er wieder aus, winkte uns zu und erklärte, dass wir, wenn uns einer danach fragt, sagen sollten, dass wir ein Notfall sind und von der Kirche/dem roten Kreuz zu ihm geschickt worden sind, weil das kein richtiges Hostel, sondern eigentlich ein Auffanglager für Obdachlose ist…
Ihr könnt euch vorstellen, dass wir an dieser Stelle nicht nur verwirrt, sondern auch ziemlich misstrauisch wurden und kurz davor waren, die Fliege zu machen…
Die Neugier/das Vertrauen/das „Was-auch-immer“ hat dann aber doch gesiegt und wir sind mitgekommen (man kann auch sagen, wir waren zu schwach, um nein zu sagen). Dort wurden wir dann Robert, dem „Landslord“, vorgestellt. Es war ebenfalls ein älterer Herr, der uns aber sofort sympathisch war und das Misstrauen verschwand. Unser Zimmer ist zwar etwas verstaubt, aber dafür recht geräumig (größer als die Bude in Kanada), mit einem Fernseher ausgestattet und kostenlosem W-LAN (wenn das funktionieren würde…).
Wir bezahlten also die 150$, unterschrieben, dass wir uns „between two places“ befinden und sagten wir würden 5 Nächte bleiben. Unsere Erklärung war, dass sie wohl vom Staat unterstützt werden, um obdachlosen Menschen günstig eine Unterkunft zu bieten, und sie jedoch die Zimmer an alle vermieten, um doppelt abzuräumen…
…ich dachte mir auch, dass dieses „sich-an-der-Tankstelle-treffen-und-dann-beiläufig-erzählen-dass-es-kein-Hostel-ist“ wohl ziemlich gut eingespielt sein müsste.

Und heute, 3 Nächte später, nachdem wir die anderen Bewohner kennen gelernt haben, kam die Erkenntnis, und diesmal wirklich plötzlich, wie ein Schlag: Ja, wir hatten diese Art von Unterkunft nicht erwartet, ABER die beiden Herren haben diese Art von Mietern, also UNS genauso nicht erwartet. Offenbar, haben wir bei der Internet-Beschreibung nicht zwischen den Zeilen gelesen, bzw. das „between-two-places“ falsch gedeutet. Und dann machte es auch Sinn, dass er sich bei dem Treffen zuerst nach dem Auto erkundet hatte (weil er verwundert war, dass wir ein solches Auto fuhren) und danach noch einmal zurückkam und uns gesagt hat, dass es kein gewöhnliches Hostel ist (weil er dann erst seine Schlüsse gezogen und realisiert hatte, dass wir gar kein Notfall sind).
Im Nachhinein sollten wir also froh sein, dass er uns überhaupt mitgenommen hatte und nicht andersherum.

Für Interresierte die Internetadresse des “Hostels” – Hättet ihr bei der Beschreibung die richtigen Schlüsse gezogen???

Das kann einem also passieren, wenn man bei günstigsten Preisen nicht genau nachliest, bzw. wenn die Sprache nicht die Muttersprache ist. Alle Wörter zu kennen und ihre einzelne Bedeutung zu wissen, reicht offenbar nicht immer aus.

Wir bereuen es dennoch nicht, weil wir sehr interessante Menschen treffen und kennen lernen durften, und ich denke auch, dass es für sie OK ist, wenn wir bleiben, weil es nur ein paar Nächte sind und nicht mehr.

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9 responses

15 02 2010
Richard

Wir sprechen hier aber von 2,85 pro Gallone, oder? 😛

15 02 2010
Richard

Merke: erst zu Ende lesen bevor man nen Kommentar schreibt 😛

1 03 2010
Ivan

Ist das nicht ein Beweis dafür, dass die Lernkurve beim Lesen eines Blogs mit der Zunahme der Eigenpartizipation exponentiell zunimmt???

17 02 2010
Alexey

Voll geile Stories! Danke für die Mittagsunterhaltung an diesen kalten Tagen bei Yello!

1 03 2010
Ivan

Danke fürs fleißige Lesen und vor allem für die Unterstützung 😉
Hoffe ihr kommt in Köln gut zurecht – auf der anderen Seite soll es euch aber auch nicht zu gut gehen, wenn du verstehst was ich meine…;)

17 02 2010
Jana

Hey… 🙂
Das hört sich alles spannend an, …
hier habt ihr eine super mega Karnevalsparty am Sonntag nach dem Zuch verpasst 😉 Haben euch natürlich vermisst …
Noch eine aufregende Weiterreise!
Liebe Grüße

18 02 2010
Priscila Andrade

Dear Blogger,

The results are now in for the Top 100 International Exchange and Experience Blogs 2010 and we have some great news – you and your blog made the Top 100 list!

Congratulations from the team at bab.la and Lexiophiles! We had more votes for this competition than we have ever had before – over 19,000 – so you should be really proud of yourself for pleasing so many readers!

We have published the entire list of blogs and how they ranked after the voting on our bab.la site (http://en.bab.la/news/top-100-international-exchange-experience-blogs-2010). There you can also find a nice map showing where the top 100 bloggers are located around the world. It’s possible to add the map to your website by coping and pasting the code available next to it.

We have also created an “IX 10 Top 100” button for you to put onto your blog. Please e-mail me and I’ll send you the button code.

We enjoyed this competition a lot and really hope did too. Keep your eyes on bab.la and Lexiophiles for the next one!

Kind regards,

Priscila
On behalf of the bab.la and Lexiophiles team

19 02 2010
Tania

Lieber Ivan,
danke für diesen wunderbaren Blog, so haben wir die Gewissheit, du bist irgendwo da draußen!!! Und kehrst (hoffentlich) zu uns wieder zurück.
Um keinen Eintrag zu verpassen, habe ich mich brav angemeldet. Aber außer einer Bestätigungsmail nichts mehr erhalten. Jetzt ist aber alles nachgelesen und wird fleißig weiter verfolgt. Bring uns weiter zum bangen, weinen, lachen!!!
LG auch von meinem Mann.

1 03 2010
Ivan

Hey Tania,
danke für den lieben Kommentar. Na klar komme ich zurück, der Rückflug ist schon gebucht – ah warte noch kann man den ja noch umbuchen…
Interessant, dass du nach der Anmeldung nichts bekommen hast – gut dass du das sagst – hast du denn mal im Spamordner nachgesehen???
LG, auch an deinen Mann :)!

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